Kurze Wege  

   
Besuch von Klaus Wowereit am 28. November 2002
Ein Bericht von Linda Henning

Es ist ein Donnerstag im November, eigentlich kein typischer Novembertag. Es ist zwar kalt, aber es regnet nicht. Es ist ein ganz besonderer Tag, dieser 28.November. Ein besonderer Tag für unsere Schule. Für Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Ich bin so nervös, daß ich nicht mehr klar denken kann. Aus dem anfänglichen Gefühl des Stolzes ist in den letzten Wochen Aufregung gepaart mit Panikattacken geworden und ich möchte einfach nur weglaufen.

Um 9:00h soll die Veranstaltung beginnen. Als zappeliges Nervenbündel sitze ich in Latein, als auf dem Schulhof der schwarze BMW des Bürgermeisters hält.

Nach dem Ende der Stunde begebe ich mich zur Aula. Von allen Seiten lächelt mir das Konterfei von Herrn Wowereit entgegen.

Die Aula füllt sich und bei Schülern, Lehrern und Eltern sehe ich neugierige Gesichter, in denen sich so etwas wie freudige Erwartung spiegelt. Ich sitze neben Herrn Friedrich, die Hände fest um meine Rede gekrallt. Gleich, gleich, gleich...Gleich wird er kommen. Und er wird neben mir sitzen. Zwischen Herrn Baumann und mir.

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Herr Friedrich spricht mir Mut zu. Applaus brandet auf und ich sehe zur Tür. Die Kamera des Reporters blitzt. Herr Baumann, Herr Lichtenberg, Nona und Herr Wowereit kommen herein.

Er lächelt freundlich, gibt jedem aus der ersten Reihe die Hand – auch mir. Er trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug und eine aprikotfarbene Krawatte.

Er setzt sich neben mich und der Fotograf kommt auf uns zugeschossen und beginnt zu knipsen. Er bittet uns näher aneinander zu rücken und so strahlen wir um die Wette in die Kamera. „Und jetzt sehen Sie sich mal bitte tief in die Augen!“

Wir drehen uns zu einander um und ich sehe in seine Augen. Braun. Er grinst wie ein Schuljunge, als er mir während des Fotos zuraunt: „Na da weiß ich ja, was morgen in der Bildzeitung steht!“

Wir lachen.

Herr Baumann spricht zuerst. Er spricht von der Angst, die er um seine überlasteten Kollegen hat und von der ungewissen Zukunft für uns Schüler. Er betont seine Freude darüber, daß Herr Wowereit ein Bürgermeister ist, der „zu den Menschen hinausgeht“.

Die Theater AG spielt eine leicht abgewandelte Szene aus ihremaktuellen Stück „Lysistrata“. Als Gerry im roten Umhang und mit uraltem Fliegerhelm als Bürgermeister auf die Bühne stürmt, kichert Herr Wowereit zum ersten Mal und bei der „Verkleidung“ des Bürgermeisters zur „neuen Schwester“ kennt seine Heiterkeit keine Grenzen. Offensichtlich versteht er eine Menge Spaß. Das beruhigt mich wirklich.

Als der Vorhang fällt, wird es für mich Ernst.

Ich beginne mit meiner Rede und als ich nach meinem ersten Absatz bereits durch Applaus unterbrochen werde, fällt alle Nervosität von mir ab. An dieser Stelle möchte ich mich bei euch allen bedanken: Wenn ihr mich nicht durch euren Applaus unterstützt hättet, wäre ich mit Sicherheit zu schnell geworden und hätte mich vor Aufregung noch ein paar mal mehr verhaspelt!

Dann folgt der Teil der Veranstaltung, in dem sich Herr Wowereit den Fragen von uns Schülern stellen muß. Er nimmt auf der Bühne Platz, nicht ohne vorher „Ich hab geahnt, daß ich da alleine sitzen muß !“ zu murmeln. Erwartungsvoll und fröhlich blickt er in s Publikum und er wirkt so, als würde ihn das alles unglaublich belustigen.

Spitzbübisch ist wohl das passende Wort.

Frederick und Gerry (3.Sem.) leiten die Diskussion und Freddi bittet Herrn Wowereit ausdrücklich darum, genaue und deutliche Aussagen zu machen und keinen Wahlkampf zu betreiben, was den Regierenden Bürgermeister zu der Bemerkung veranlasst: „Ich glaub, die Moderatoren sind noch schärfer, als wenn ich zu Friedmann gehe!“

Ich kann und möchte nicht alles wiederholen, was während dieser Diskussion gesagt wird. Es geht hauptsächlich um Bildung und die Verschuldung Berlins, wobei Herr Wowereit tatsächlich bemüht ist, verständliche Antworten zu geben. Durch den einen oder anderen Witz und seine trockene Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen, lockert er die Stimmung immer wieder auf und wirkt zu keiner Sekunde gelangweilt oder desinteressiert.

Eine seiner deutlichen Forderungen lautet: „ Mehr Kompetenz in die Schulen !“, außerdem klatscht er dem Zuhörer die Milliarden-Verschuldung Berlins nur so um die Ohren, wobei er in keiner Weise versucht, irgendetwas an der derzeitigen Situation zu beschönigen: „Nu is Berlin nich nur pleite, sondern mega-pleite.“

Man gewinnt den Eindruck, als würde ihm ehrlich etwas an Berlin liegen und er signalisiert auch, daß er persönlich bereit ist, mit den Einsparungen bei sich anzufangen, um Berlin zu helfen.

Ob er mit ihm politisch einer Meinung ist, muß jeder für sich allein entscheiden, aber Wowereit wirkt unglaublich sympathisch, während er da an seinem Tisch sitzt, vor sich ein Glas Mineralwasser von Aldi, und mit dem widerspenstigen Mikrophon kämpft.

Auch bei dem anschließenden Glas Orangensaft im Schulcafé steht er geduldig Rede und Antwort und läuft zu wahrer komödiantischer Höchstform auf.

So bemängelt er zum Beispiel die permanente negative Einstellung der Berliner, insbesondere der Berliner Presse und das, was er sagt und wie er es sagt, beeindruckt mich und ich finde, daß es sich wirklich lohnt einmal darüber nachzudenken:

„Dis Glas is nich halb voll, sondern es is halbleer. So. Dis is erstmal die Grundeinstellung der Berliner. Hat natürlich auch n Vorteil, denn wenn´s mal richtig dicke kommt, denn wirft den ooch nischt um – dis is ja schon mal gut.

Nee, aber wie ne Schule: Wenn ne Schule Schüler braucht und n Tag der offenen Tür macht,dann würde sich der Schulleiter nicht hinstellen und die Rede halten, die er heute gehalten hat, sondern dann würde er sich hinstellen und sagen“ , wie zur Bekräftigung seiner Worte rudert Herr Wowereit begeistert mit seinen Armen durch die Luft, „ alles ganz toll hier, Sie können Leistungskurs XY und Theater AG und im Café hier alles ganz toll...Wenn der sich hinstellen würde: ‚Öh, is alles ganz blöd hier ! Was mach ich eigentlich noch hier ? An Ihrer Stelle würd ich sowieso nicht kommen und meine Lehrer, die sind schon alle in der inneren Imigration, die müssen 2 Stunden mehr arbeiten...Nee, also wissen Sie: Ihr Kind, dis wollen wir gar nicht haben !‘ Dann sagen Sie, der hat ja n Rad ab und gehen zur Nachbarschule. Ob da nun alles besser is, is ne andere Frage, aber sie verkaufen´s besser. Und dis muß auch im Schulbereich mal begriffen werden: Die eigene Arbeit, die wirklich auch toll is, wenn ich das hier sehe – und ich kenne wirklich viele Schulen von innen – da werden doch tolle Leistungen gebracht, das muß man doch auch mal sagen!“

Dieser enthusiastisch gehaltene Vortrag mit schauspielerischen Einlagen à la Dieter Nuhr drückt das aus, was wir uns alle immer wieder vor Augen halten müssen und wovon Herr Wowereit innerlich überzeugt ist: Wir haben Probleme, die wir nicht vergessen dürfen, aber deswegen alles schlecht zu reden und sich zurückzulehnen,weil sowieso alles sinnlos ist, anstatt Kraft aus den positiven und schönen Dingen zu schöpfen, ist eindeutig der falsche Weg!

Ebenso zeigt dieser Vortrag, daß wir es geschafft haben, Herrn Wowereit nachhaltig zu beeindrucken. Wir haben gezeigt, daß wir eine besondere Schule sind. Und daraus sollten wir wiederum Kraft schöpfen und weitermachen.

Gegen 11:30 veraschiedet Herr Wowereit sich und der schwarze BMW fährt langsam vom Hof.

Gefüllt mit neuen Eindrücken gehe ich zu meiner Mathe-Klausur...

Zum Schluß möchte ich mich noch stellvertretend für alle Schüler bei Herrn Lichtenberg bedanken, der diese Veranstaltung und uns Schülern einen ganz besonderen Vormittag ermöglicht hat. Ebenso bei Nona Herweg und ihren Eltern und persönlich noch bei Herrn Friedrich, weil er es geschafft hat, mir mit seinen aufmunternden Worten die Angst zu nehmen und sich geduldig mein Gejammer angehört hat.

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Linda Henning

   
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